Staatliche E-IDs und regulierte Wallets wie die EUDI-Wallet entwickeln sich in Europa zur Grundinfrastruktur für souveräne digitale Identitäten. Am E-ID- & SSI-Event 2026 zeigte Désirée Heutschi, Co-CEO von Procivis und Leiterin Unternehmensentwicklung bei Orell Füssli, wie sich Schweizer E-ID, EUDI-Wallet und digitale Nachweise zu einem gemeinsamen Ökosystem entwickeln. Wallets werden darin zur zentralen Komponente einer SSI-Architektur (Self-Sovereign Identity).

Orell Füssli bringt jahrzehntelange Erfahrung mit physischen Sicherheitsdokumenten ein, etwa bei Banknoten, Pässen oder Führerausweisen. Procivis ermöglicht mit ihrer Technologie die Herausgabe der digitalen Gegenstücke: kryptografisch gesicherte Identitäten und Nachweise, die sich wie ein Originaldokument prüfen lassen und sich damit ideal in SSI-Konzepte einfügen. Gemeinsam entsteht so die Grundlage, um Vertrauen, Fälschungssicherheit und Datenschutz aus der analogen Welt in digitale Vertrauensketten zu übertragen.

Regulierung als Rückenwind für Wallet-Ökosysteme

Heutschi spannt eine gemeinsame Roadmap über die Schweiz und die EU. Im Mai 2024 ist in der EU die überarbeitete eIDAS‑Verordnung in Kraft getreten, Ende 2024 hat das Schweizer Parlament das E‑ID‑Gesetz verabschiedet, im September 2025 folgte die Volksabstimmung. Die Einführung der staatlichen E‑ID in der Schweiz verzögert sich und erfolgt nicht mehr im laufenden Jahr, weil zusätzliche Anforderungen an Datenschutz und Sicherheit umgesetzt werden. In der EU bleiben die Fristen klar: Bis Dezember 2026 müssen alle Mitgliedstaaten ihren Bürgerinnen und Bürgern eine EUDI-Wallet zur Verfügung stellen, und bis Ende 2027 muss diese im regulierten Privatsektor akzeptiert werden.

Für Unternehmen bedeutet das: In kurzer Zeit entsteht ein Umfeld mit verschiedenen staatlich verantworteten Wallets, die als Identitätsquelle fungieren. Wer früh überlegt, wie diese Wallets in eigene Prozesse, Kanäle und Security-Architekturen eingebunden werden, kann sich einen klaren Vorsprung verschaffen – insbesondere dort, wo internationale Kundschaft adressiert wird.

Wallets als Knotenpunkt für sichere, digitale Nachweise

Im Zentrum von Heutschis Beitrag stehen digitale Wallets als neue Knotenpunkte für vertrauenswürdige Daten. In einer Wallet liegen sichere, digitale Nachweise wie nationale Identität, Führerausweis, Wohnsitzbestätigung, Bank-ID, E-Mail-Verifizierung oder Universitätsdiplome. Nutzerinnen und Nutzer behalten die Kontrolle und geben jeweils nur jene Attribute frei, die ein Dienst wirklich benötigt.

Anhand eines Demo-Flows zeigt Heutschi, wie sich eine Kontoeröffnung verändert. Auf einer fiktiven Bank-Website können Kundinnen und Kunden entweder wie bisher ein Formular ausfüllen oder eine Wallet-App wie die EUDI-Wallet oder die swiyu-Wallet verwenden. Entscheiden sie sich für die Wallet, werden Stammdaten, Wohnsitznachweis und E-ID direkt übernommen. Nur einige wenige Zusatzfragen und die digitale Vertragsbestätigung bleiben übrig. Am Ende steht eine Bank-ID, die sich als vertrauenswürdiges Login-Mittel im E-Banking verwenden lässt – ein ideales Beispiel dafür, wie sich SSI-Prinzipien mit bestehenden IAM-Landschaften verbinden lassen.

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SSI-Credentials als Treiber für Effizienz und Sicherheit

Für Heutschi sind digitale Credentials kein Detail der Regulierung, sondern ein Hebel für Innovation und Effizienz. Digitale Nachweise schaffen eine hohe Vertrauensbasis, erhöhen Sicherheit und nehmen manuellen Prüfaufwand aus den Prozessen. Gleichzeitig behalten Nutzerinnen und Nutzer die Hoheit über ihre Daten.

  • Unternehmen können KYC-Daten (Know Your Customer / «Kenne deinen Kunden»), Zahlungsbestätigungen und Bonitätsnachweise als verifizierbare Credentials in ihre Prozesse integrieren und so Onboarding und laufende Prüfungen verschlanken.
  • Verwaltungen modernisieren Abläufe, etwa bei Strafregisterauszügen, Wohnsitzbestätigungen oder Steuerprozessen, indem sie digitale Nachweise direkt aus Wallets akzeptieren.
  • Bürgerinnen und Bürger gewinnen Transparenz und Kontrolle: Sie sehen, welche Attribute angefragt werden, und entscheiden aktiv, was sie freigeben.

Aus Airlock-Perspektive sind das typische SSI-Szenarien: Ein Issuer (Aussteller) stellt ein Credential (Berechtigungsnachweis) aus, die Wallet hält es, und ein Verifier (Prüfer) prüft es kryptografisch über standardisierte Protokolle, ohne Rohdaten länger als nötig zu speichern. Damit werden Datenschutz und Zero-Knowledge-Ansätze praktisch nutzbar, statt theoretisch zu bleiben.

Customer Journeys neu denken: Von Formularstrecken zu SSI-Flows

Besonders grosses Potenzial sieht Heutschi überall dort, wo heute noch mit physischen Dokumenten oder PDF-Uploads gearbeitet wird. Digitale Credentials ermöglichen zum Beispiel:

  • deutlich schnellere Onboarding Strecken, weil E-ID, EUDI-Wallet und weitere Nachweise die Datenerfassung weitgehend übernehmen
  • eine höhere operative Effizienz, weil geprüfte Daten direkt in bestehende Systeme fliessen und Compliance-Checks strukturierter ablaufen
  • mehr Sicherheit, wenn Wallets als zusätzlicher Faktor für Authentifizierung eingesetzt werden und verifizierte Nachweise in Risikomodelle einfliessen
  • grenzüberschreitende Angebote, weil sich dieselben Identitätsnachweise in mehreren Ländern nutzen lassen, ohne für jeden Markt neue Identifikationsprozesse aufzubauen

Für Airlock bedeutet das: Digitale Identität wird zu einer wiederverwendbaren Sicherheitsschicht über verschiedene Anwendungen hinweg, und SSI-fähige Credentials können an mehreren Punkten der Customer Journey greifen – vom ersten Login bis zu hochsensiblen Transaktionen.

Was Organisationen auf dem Weg zu SSI klären sollten

Zum Abschluss lenkt Heutschi den Blick auf strategische Fragen, die Unternehmen jetzt beantworten sollten.

  • Wo im eigenen Geschäftsmodell ist es besonders wichtig, vertrauenswürdige Daten zu verifizieren?
  • An welchen Stellen lohnt es sich, selbst als Issuer aufzutreten und eigene Credentials auszustellen, etwa in Form von Bank-IDs, Kundenkarten oder Zugangsrechten?

Gerade Organisationen mit internationaler Kundschaft müssen zudem entscheiden, wie sie mit verschiedenen Wallets und regulatorischen Rahmenbedingungen umgehen. Wer E-ID, EUDI-Wallet und digitale Credentials nur als Pflichtprogramm betrachtet, bleibt im Minimum-Setup stecken. Wer sie als Teil einer SSI-Strategie versteht, kann Prozesse neu gestalten, Sicherheitsarchitekturen modernisieren und Nutzenden ein deutlich besseres digitales Erlebnis bieten.

Mehr Einblicke zum E-ID- & SSI-Event 2026

Der Vortrag von Désirée Heutschi war Teil eines ganztägigen Programms mit Expert:innen aus Verwaltung, Finanzbranche, Gesundheitswesen und Technologie. In der ausführlichen Nachlese erfahren Sie, wie E-ID, SSI und Wallets zusammenspielen und welche Chancen sich daraus für Unternehmen in der Schweiz und in der EU ergeben.

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